Himmlische Wesen, kleine Erwachsene: Kinderbildnisse
aus der Sammlung Deutsche Bank
Im
Mittelalter malte man Kinder als kleine Erwachsene, einen eigenen
künstlerischen Ausdruck für den heranwachsenden Menschen gab es nicht.
Erst die Romantik schuf einen Begriff, der die Distanz zwischen beiden
beschreibt: Kindheit. Künstler aller Jahrhunderte haben diesen Zustand
interpretiert – sehr unterschiedlich, wie die Kinderbildnisse in der
Sammlung der Deutschen Bank zeigen. Ein Rundgang von Christiane Meixner
.
|
Paula Modersohn-Becker, Stehender
Mädchenakt, 1902
Sammlung Deutsche Bank
|
Ein Vorzeigebild ist die schnelle Zeichnung von
Paula Modersohn-Becker sicher nicht gewesen: Den Stehenden Mädchenakt
entwarf die Worpsweder Künstlerin fahrig mit Rötel und Kohle auf einem
Papier, das auch auf der Rückseite bearbeitet ist und mehr einer Notiz
gleicht, als dass es den kindlichen Körper detailliert wiedergibt.
Überhaupt ist von dem Mädchen wenig zu erkennen. Es gibt keine Haare, kein
Gesicht oder Geschlecht.

Paula Modersohn-Becker, Zwei
Mädchenköpfe im Profil nach rechts, 1903
Sammlung Deutsche Bank
|
Was Modersohn-Becker 1902 festgehalten hat, gleicht mehr
einem Fragment. Eine androgynen Gestalt, in der alles angelegt und nichts
von dem festgeschrieben scheint, was einen Erwachsenen später
charakterisiert: seine Physiognomie, das Individuelle und ein soziales
Umfeld. Dafür liefert die Malerin mit ihrer Studie ein symbolhaftes
Statement zum Kinderbild ihrer Künstlergeneration: Die Avantgarde – neben
Modersohn-Becker auch die deutschen
Expressionisten oder Pablo Picasso,
der Hunderte Kinderbildnissen malte – war stark von der
Frühromantik beeinflußt, die die Kindheit zum naturhaften Zustand
fern aller zivilisatorischen Verbildung stilisierte.

Erich Heckel, Stehendes Kind - Fränzi, 1910
Sammlung Deutsche Bank
"Wo Kinder sind, da ist
ein goldenes Zeitalter", hatte
Novalis Ende des 18. Jahrhunderts in einem der Blütenstaub-Fragmente
geschrieben; solche Überhöhungen korrespondierten in der bildenden Kunst mit
den Kinderbildnissen etwa von
Philipp Otto Runge, der die
Hülsenbeckschen Kinder 1805/06 als tobendes Trio im Freien
darstellte und kleine, nackte Figuren in seinen allegorischen Gemälden der
Tageszeiten auftauchen ließ. Runge griff damit nicht nur auf einen
Topos der Kunstgeschichte zurück, der Kinder zu allen Zeiten als
geschlechtslose Putti zeigte. In Abgrenzung zur Vergangenheit, in der
Kinder bis weit in das Mittelalter gar nicht oder nur als verkleinerte
Erwachsene und später dann bei
Rubens,
van Dyck oder
Franz Hals in steifen Kleidern wie kleine Erwachsene gemalt wurden, weist
Runge ihnen einen separaten Lebensraum zu.
|
Otto Meyer-Amden, Knabenakt, 1928
Sammlung Deutsche Bank
|
[1]
[2]
[3]
|