Zu seinem bevorzugten Material - Stein - ist der gelernte
Steinmetz und zeitweilige Geselle an der
Kölner Dombauhütte, anders als seine Biografie es nahe legen
würde, eher durch Zufall gekommen. Es war im Jahr 1968, Ulrich Rückriem
wartete damals in seinem Atelier auf
Schloss Nörvenich in der Nähe von Düren auf eine Steinlieferung. Als
der LKW bei ihm ankam, lagen die Steine wie Teile eines riesigen Puzzles
auf der Ladefläche - ein Anblick, den der Künstler als derart faszinierend
empfand, dass er spontan beschloss, dorthin zu fahren, wo die Steine
gebrochen worden waren.

Variationen eines Blocks, 2002, Detail
Foto: Landesgartenschau NRW
Im Steinbruch von
Anröchte bei Soest hatte Rückriem dann sein Erweckungserlebnis. Seitdem
arbeitete er zwar noch ein paar Jahre auch in Holz und Stahl, doch seine
Leidenschaft galt von nun an dem dauerhaftesten Urstoff der Bildhauerei -
dem rohen, unbehandelten, archaischen Stein, zumeist Granite aus Brüchen
aus ganz Europa. Die Entscheidung, sich auf die Steinbildhauerei zu
konzentrieren, brachte ihm bald den verdienten Erfolg. Rückriem stellte
seine Arbeiten in der renommierten Galerie von
Konrad Fischer in Düsseldorf aus, 1972 nahm er zum ersten Mal an der
Documenta in Kassel teil (zwei weitere Male, 1982 und 1987, sollten
folgen), 1978 vertrat er die Bundesrepublik auf der
Biennale von Venedig. Auch bei der von Kasper König initiierten
Ausstellungsserie
Skulptur.Projekte in Münster war Rückriem fortan regelmäßiger
Gast. Daneben war er lange Zeit Professor an den Kunsthochschulen von
Hamburg, Frankfurt und
Düsseldorf, er lebte 17 Jahre in London, in der Normandie und in
Irland. Erst im Jahr 2001 siedelte er sich wieder in Köln an, wo er in
Sinsteden in der Nähe von Rommerskirchen ein großes Atelier unterhält und
vierzig Jahre zuvor ein halbes Jahr an der Werkkunstschule von Josef
Jaeckel studierte, bevor er sich seinerzeit auf seine große Tour nach
Italien, Spanien, Frankreich, Tunesien und Marokko begab.

Variationen eines Blocks, 2002, Detail
Foto: Landesgartenschau NRW
"Das Material", sagt
Rückriem, "darf nicht zu schön sein, sonst nimmt es der Form die Kraft
weg." Auf der anderen Seite sind dem Künstler die Beschaffenheit des
Steins, seine Färbung, Maserung und die Spuren der Verwitterung besonders
wichtig. Und die Herkunft seines Rohmaterials nimmt für ihn eine so
bedeutsame Rolle ein, dass er seine Arbeiten sogar danach benennt. Da gibt
es zum Beispiel Skulpturen, die einfach nur Schremser Granit heißen
oder auch Granit Bleu de Vire, versehen mit einem Zusatz, der über
die spezifischen Merkmale der künstlerischen Technik aufklärt:
gespalten, geschnitten und geschnitten.

Variationen eines Blocks, Detail
Foto: Landesgartenschau NRW
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Insgesamt jedoch sind die künstlerischen Eingriffe bei
Rückriems Werken minimal. Rückriem ist ein Meister der Monumentalität,
aber es ist eine Monumentalität der Natur, nicht der Kunst. Bei ihm dürfen
die Steine sein, was sie sind: schwer, ungeschlacht, von Quarzadern
durchzogen, von Wind und Wetter, von farbigen Ausblühungen und Korrosionen
gezeichnet.

Wandrelief Granit Bleu de Vire, gespalten und geschnitten, 1995
Courtesy Galerie Nordenhake, Berlin/Stockholm; Ulrich Rückriem
Foto: Gunter Lepkowski
Die Bearbeitung ist hier
aufs Nötigste beschränkt. Manchmal werden die einzelnen Quader nur in
mehrere Teile zerbrochen, wobei die Bohr- und Stemmlöcher als einzige
sichtbare Hinweise stehen bleiben. Ein andermal schneidet Rückriem einen
Quader in zwei Hälften und schlägt bei einer Hälfte die Kanten ab, während
er die zweite unbehandelt lässt. Die einzige Verbindung zwischen den
beiden Hälften ist der Verlauf der markanten weißen Steinader, die kein
Retuscheur wegretuschieren könnte, selbst wenn er wollte - und nicht zu
vergessen das Gewicht des oberen Teils, der auf dem unteren lastet.

Wandrelief Granit Bleu de Vire, gespalten und geschnitten, 1991
Courtesy Galerie Nordenhake, Berlin/Stockholm; Ulrich Rückriem
Foto: Gunter Lepkowskil
Und selbst wenn Rückriem
dem Material einmal eine etwas umfangreichere Zurichtung zuteil werden
lässt, dann in Form von auf Schnitten und Schlitzen, die so dünn und fein
sind, dass man versucht ist, von Linien zu sprechen und nicht von Volumen.
Für ihn mache, so hat Rückriem einmal zu Protokoll gegeben, das "Sichtbare
siebzig Prozent und die Idee nur dreißig Prozent" eines Werkes aus. Diese
dreißig Prozent Konzept sind entscheidend, wenn es darum geht, die
Vielzahl von Bezügen und Querverweisen zu entdecken, welche die Skulpturen
mit jenen Orten verbinden, an denen sie aufgestellt sind.
Im Falle
der Berliner Neuen Nationalgalerie liegen die Bezüge auf der Hand: Sowohl
die Decke des Museums als auch der Boden sind in Quadrate unterteilt,
wobei, wie schon erwähnt, die Abmessungen der Bodenplatten exakt denen der
Rückriem'schen Skulpturen entsprechen. Damit greift der Künstler nicht nur
formal, sondern auch gedanklich eine Eigenheit der klassisch-modernen
Architektur Mies van der Rohe'scher Prägung auf: das Prinzip des Moduls,
das Ordnung schafft und dem architektonischen Gebilde eine Art eigenes
Gerüst verleiht. Diese Ordnung wird freilich im selben Moment auch schon
wieder unterlaufen. Dadurch, dass Rückriem die Oberfläche seiner Arbeiten
in ihrem quasi natürlichen, ungeglätteten, unregelmäßigen Zustand belassen
hat, vereinen sie in sich Abbild und Gegenbild gleichzeitig. Die
Irritation, die dies beim Betrachter hervorruft, ist natürlich auch
integraler Bestandteil der Installation. Denn so hat Rückriem dem Mies-Bau
etwas zurück gegeben, was auch zur Kunst gehört, was in den letzten
Monaten des MoMA-Spektakels jedoch in Vergessenheit zu geraten drohte: das
Innehalten.
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