Britische Lässigkeit, internationaler Markt: Die zweite
Frieze Art Fair in London
Nach der
fulminanten Premiere im letzten Jahr wurden die diesjährige
Frieze Art Fair größte Hoffnungen gesetzt. Auch das die
Deutsche Bank als Hauptsponsor gewonnen konnte, trug zu den Erwartungen
bei. Würde Londons erste und größte internationale Kunstmesse sich, wie
bereits prognostiziert, gegenüber etablierten Sammlerstandorten wie Basel
oder Miami behaupten und sich deutlich von Messen wie dem Berliner
Art Forum oder der Art Cologne
absetzen? Oliver Koerner von Gustorf über die einmalige Mischung
aus Ernst und Unterhaltung, Professionalität und Provokation, die der
Frieze Art Fair ihren Platz unter den führenden Messen sichert.

Catherine Sullivan, Ice floes of Franz Jospeh Land, 2003
Courtesy of Catherine Bastide
Das ist der
schwarze Humor der Briten: Im Vorfeld der Frieze Art Fair 2004
veranstaltete der Guardian
als Medienpartner der Londoner Kunstmesse ein Online-Quiz, in dem die
Leser ihre Kenntnisse der aktuellen einheimischen Kunst überprüfen
konnten. Eine der Fragen lautete, welches der berühmten Brit-Art Werke aus
der Saatchi-Collection bei
dem verheerenden Momart
-Lagerhausbrand im letzten Frühjahr denn NICHT zerstört worden sei: Die
apokalyptische Arbeit Hell der
Chapman-Brüder, die gigantische Bettelskulptur Charity von
Damien Hirst, Afrobluff von
Chris Ofili, oder Everyone I Have Ever Slept With 1963-1995 von
Tracey Emin. Auch wenn Chris Ofilis Werk als einzige dieser Ikonen des
"Cool Britannia" die Katastrophe überstand, schien es angesichts der
öffentlichen Reaktionen von Belustigung und Schadenfreude ganz so, als
habe das Feuer zugleich symbolisch das Ende einer Ära eingeläutet.
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Blick in die Frieze Art Fair, London,
2004 Foto © Maria Morais
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Sarah Lucas, The Stinker,
Installation 2003 Courtesy of Sadie Coles HQ
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Doch Totgesagte leben länger. Nicht nur, dass das Inventar
von Damien Hirsts 2003 geschlossenem Nobelrestaurant Pharmacy soeben für
16 Millionen Euro bei Sotheby's
in London versteigert wurde; auch auf der diesjährigen Frieze erzielten
die "Young British Artists" nach wie vor veritable Summen. Tracey Emins
Neonschriften (28.000 £) und die Gewaltszenen von Jake und Dinos Chapman
(450.000 £) waren bei
Jay Jopling beinahe auf der Stelle ausverkauft. Neben Damien Hirsts
bunt-gepunkteten Tetrahydrocannabinol-Radierungen, die am Stand von
Paragon Press binnen kürzester Zeit weggingen, fand auch
Sarah Lucas Installation The Stinker bei
Sadie Coles HQ für 90.000 £ sofort einen Abnehmer. Selbst wenn die
kommerzträchtigen Skandale und der modische Hype um die rebellischen
Briten der Vergangenheit angehören mögen und sich mit Künstlern wie
Nigel Cooke,
Jeremy Deller oder Fiona
Banner eine neue Generation herausgebildet hat, ist es dennoch
unübersehbar das Verdienst der von Saatchi geförderten Brit-Art, dass
London sich zur Weltmetropole für Gegenwartskunst entwickelt hat.
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Stand von Modern Art, London, mit Arbeiten
von Jonathan Meese Frieze Art
Fair 2004 Foto © Maria Morais
Hierzu
gehört neben inseltypischem Glamour und lässiger Inszenierung auch ein
gewisses Maß an ökonomischer Potenz: Bereits mit ihrer Premiere hatte die
im Regent’s Park veranstaltete Frieze Art Fair 2003 mit über 30.000
Besuchern und einem Umsatz von geschätzten 25 Millionen Euro einen
überwältigenden Einstandsbonus erlangt. In diesem Jahr stand allerdings
die Feuertaufe an. Würde Londons erste und größte internationale
Kunstmesse sich, wie bereits prognostiziert, gegenüber etablierten
Sammlerstandorten wie Basel oder
Miami behaupten und sich deutlich von Messen wie dem Berliner Art Forum
oder der Art Cologne absetzen? Schließlich sollte das aktuelle Event, so
die Messeleitung, ein Festival für "Art Lovers" und ein Fest für "Art
Buyers" werden – ein fixes Datum für die globale Kunstgemeinde. Hinzu kam
eine weitere Premiere. Mit der Deutschen Bank konnte in diesem Jahr ein
Hauptsponsor gewonnen werden, für den besonders die Unterstützung junger
Kunst im Vordergrund steht: "Was diese Messe so außergewöhnlich macht, ist
die hohe Qualität der teilnehmenden Galerien und die Konzentration auf
junge, aufstrebende Künstler", so
Pierre de-Weck, Global Head of Private Wealth Management und Mitglied des
Executive Committee der Deutschen Bank, "wir sind stolz darauf, an solch
einer spannenden und dynamischen Veranstaltung beteiligt zu sein und das
weltweite Engagement der Deutschen Bank für neue Kunst und neue Ideen so
vorantreiben zu können".

Stand von Pargon Press, London, mit
Arbeiten von Damien Hirst und Marc Quinn
Foto © Maria Morais, Berlin
Das Resultat
dieser noch jungen Kooperation ist eindeutig positiv ausgefallen. Als ein
"Muss" der internationalen Szene beschrieb die
Frankfurter Allgemeine Zeitung das Ereignis und attestierte: "Wer
etwas gelten will, darf nicht mehr fehlen". Und das stimmt nicht nur für
Mega-Galerien wie Marian Goodman
, Barbara Gladstone
aus New York oder die Europäer
Hauser & Wirth (Zürich/London), die gleich am Eingang mit
monumentalen Installationen von
Paul McCarthy und
Jason Rhoades glänzten. Zum Konzept der Messegründer Amanda Sharp und
Matthew Slotover, die zugleich als Herausgeber des gleichnamigen
Kunstmagazins Frieze
fungieren, gehört es, dass sich wie bei jeder guten Party alte Prominenz
und neue Gesichter mischen. Das gilt für Künstler und auch für Galerien.
Im vom Londoner Stardesigner
David Adjaye entworfenen riesigen weißen Plastikzelt wechselten sich
dementsprechend die Stände von etablierten Kunsthändlern wie
Sperone Westwater (New York) und zahlreichen Newcomern ohne hierarchische
Unterteilung ab. Aus über 420 Bewerbern wählte die Jury 150 Teilnehmer
aus. Während 40 amerikanische, 30 britische und 24 deutsche Galerien den
Schwerpunkt bilden, kamen diesmal auch Teilnehmer aus Neuseeland,
Russland, Korea und China hinzu.
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