Mythos MoMA: "Seen at MoMA" in der Galerie Kicken Berlin
Mit seinen Ausstellungen und Publikationen hatte das Museum of Modern Art seit
Mitte der dreißiger Jahre entscheidenden Anteil daran, dass die Fotografie
Teil des allgemeinen Kunstdiskurses wurde. Auch wenn Das MoMA in
Berlin sich ausschließlich der Malerei und Skulptur verschrieben hat,
gibt es in Berlin die Möglichkeit, die Geschichte der bedeutendsten
Fotosammlung der Welt zu entdecken. Brigitte Werneburg hat Seen
at MoMA in der Fotogalerie Kicken besucht und Stationen der
spektakulären Museumsammlung nachgezeichnet.

Man Ray: Noire et Blanche, 1926 ©The Man Ray Trust / VG Bild-Kunst, Bonn
2004, Courtesy: Galerie Kicken
Berlin
Genau betrachtet ist
Das MoMA in Berlin nur mit einem Teil seines Gepäcks angereist. Mit
seiner Auswahl von 200 zweifelsohne hervorragenden Gemälden und Skulpturen
in der Neuen
Nationalgalerie ist das MoMA noch lange nicht in Berlin angekommen.
Liegt seine einzigartige Stellung doch gerade darin begründet, dass es von
Anfang an neben Malerei, Skulptur und Grafik auch das moderne
Industriedesign, die zeitgenössische Architektur, den Film und die
Fotografie als integrale Bestandteile seiner Sammlung betrachtete.
Glücklicherweise muss Berlin auf einen Einblick in die weiteren
Sammlungsbestände des Museums nicht verzichten. Im Rahmen der
"American Season" starteten im Mai die
Freunde der Deutschen Kinemathek im Arsenal am Potsdamer Platz das
Programm
East Side -West Side. Schätze aus dem Filmarchiv des MoMA. Und am
29. Mai eröffnet die Fotogalerie
Kicken in der Linienstrasse den zweiten Teil ihrer herausragenden
Ausstellung Seen at MoMA, die eine kleine, aber erlesene Auswahl
aus der fotografischen Sammlung des Museums präsentiert.
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Erwin Blumenfeld: Legs à la Seurat
(Maria Motherwell), New York, 1942, © Estate of the artist,
Courtesy: Galerie Kicken Berlin
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Die Mischung aus Ikonen der Fotografiegeschichte wie
Man Rays Noire et Blanche von 1926 und weniger bekannten Aufnahmen
von berühmten Fotografen wie beispielsweise Erwin Blumenfelds Legs
à Seurat (Maria Motherwell), New York von 1942, machte schon den
ersten Teil der Schau zu einem unerwarteten Erlebnis. Die teils
chronologisch, teils thematisch-assoziativ gehängten Bilder wurden sowohl
klassisch auf Augenhöhe nebeneinander gereiht als auch in wandfüllenden
Gruppen zusammengeführt: Die Aufnahmen von
August Sander,
Weegee, Henri
Cartier-Bresson und
Helen Levitt zeigen in dieser Form einen Querschnitt durch die in den
dreißiger Jahren beginnende Straßenfotografie. Gleichzeitig inszenierte
die Ausstellung aber auch harte Schnitte, wie mit
Edward Steichens weich gezeichnetem Self Portrait, Milwaukee
(1898), das unmittelbar Paul Outerbridges neusachlichem Piano von
1926 folgte. Ehrfürchtig stand man vor Kostbarkeiten wie
William Henry Fox Talbots The Ancien Vestry. Reverend Calvert Jones in
the Cloisters at Lacock Abbey. 9. September 1845, einem ersten
Papierabzug, oder Charles Nègres Untitled (Asile Impérial de
Vincennes) von 1858: Von Anfang an, so ließ sich nun in dieser Auswahl
besonders deutlich erkennen, war die neue Technik der Fotografie mit einer
eigenständigen Ästhetik verbunden. Sie lässt sich nicht auf die großen
Namen der Fotogeschichte reduzieren. Der Anlass der Aufnahmen und die
Erprobung und Entwicklung neuer Verfahren definieren die Bildsprache, wie
sich an der anonymen Fotografie aus dem Ersten Weltkrieg, der
Radiographie médicale, Hôpital militaire Denon von 1918 und
dem 15-teiligen Album von
Dr. Joseph Maria Eder &
Eduard Valenta unter dem Titel Versuche über Photographie mittelst der
Röntgen'schen Strahlen von 1896 zeigt.
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©Estate of the artist, Courtesy:
Galerie Kicken Berlin
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Mit nur 51 Exponaten gelang es der Galerie Kicken,
wesentliche Ausstellungen und Publikationen des MoMA, und damit
wesentliche Stationen des Diskurses um die Fotografie zu markieren. Denn
mit seinen Ausstellungen und Publikationen hatte das
Museum of Modern Art seit Mitte der dreißiger Jahre entscheidenden Anteil
daran, dass die Fotografie Teil des allgemeinen Kunstdiskurses wurde.
Dennoch war das MoMA keineswegs das erste Museum, das Fotografie sammelte.
Es war noch nicht einmal das erste Museum, das Fotografie als Kunst
sammelte.
Alfred Lichtwark etwa hatte schon in der ersten Dekade des 20. Jahrhundert
als Direktor der Hamburger Kunsthalle eine Fotosammlung eingerichtet, die
maßgebliche Beispiele der piktoralistischen Fotografie, etwa Arbeiten von
Alfred Stieglitz, enthielt. Eine ganze Reihe großer Fotoausstellungen in
Deutschland zwischen 1925 und den frühen dreißiger Jahren, etwa
film und foto in Stuttgart 1927, hatten den Aufstieg der Fotografie zur
museumswürdigen Kunst lange vorbereitet, bevor
Beaumont Newhall 1940 am MoMa den erstmals geschaffenen Museumsposten
eines Fotokurators antrat.

William Henry Fox Talbot: The Ancien Vestry. Reverend Calvert Jones in the
Cloisters at Lacock Abbey. 9 September, 1845, © Estate of the artist,
Courtesy: Galerie Kicken Berlin
In der vom
Gründungsdirektor des MoMA,
Alfred H. Barr, initiierten Ausstellungsreihe Cubism and Abstract Art
von 1936, Bauhaus. 1919-1928 von 1938 und
Fantastic Art, Dada, and Surrealism 1939, war 1937 erstmals auch ganz
selbstverständlich die Fotografie integriert. Photography.
1839-1937, die Ausstellung mit der Beaumont Newhall - damals noch am
Metropolitan Museum of Art beschäftigt - seinen Wechsel zum MoMA
vorbereitete, gilt gemeinhin als Meilenstein für die Anerkennung der
Fotografie als Kunst. Doch gerade diese Ausstellung, so schreibt der
Kunsthistoriker Christopher Phillips in seinem Essay Der Richterstuhl
der Fotografie (in: Herta Wolf,
Paradigma Fotografie, Frankfurt am Main 2002) zeigt, dass Newhall an der
Frage nach dem Stellenwert der Fotografie innerhalb der bildenden Künste
gar nicht interessiert war. Seine Auswahl war als eine Lektion über die
Entwicklung und Spezialisierung fotografischer Techniken konzipiert. Die
Kritik regierte mit Verwirrung,
Lewis Mumford etwa schrieb im New
Yorker er finde es "unfair", dass die Bewertung der Exponate "nach
ihren ästhetischen Verdiensten" vom Publikum selbst geleistet werden müsse.

Alfred Stieglitz: The Steerage, 1907
©Georgia O`Keeffe Foundation,
Courtesy: Galerie Kicken Berlin
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