Der Gedanke eines Porträts: Tobias Rehbergers "Großer
Akt vor Schneelandschaft"
Als
wär's ein Teil von mir: Für seinen Beitrag im demnächst erscheinenden
"Visuell" Magazin der Deutsche Bank Art ließ der Künstler Tobias Rehberger
fast alle Kleidungsstücke seiner Garderobe verbrennen. Aus den verkohlten
Rückständen wird schwarze Farbe hergestellt, mit der zwei von Rehberger
gestaltete Seiten bedruckt werden. Oliver Koerner von Gustorf über
eine ungewöhnliche Verbrennungsaktion im Allgäu und ein "Selbstporträt",
das auch durch kollektive Vorstellungen, Erwartungen und Wahrnehmungen
entsteht.

Auf der Liste der verbrannten Kleidungsstücke stehen über achtzig T-Shirts,
aber nur eine Unterhose. Wie kam es zu dieser Auswahl?
Das ist keine Auswahl. Das ist einfach das, was ich besitze.
Wie?
Sie besitzen nur eine Unterhose?
Ja.
- Aus einem
Telefongespräch mit Tobias Rehberger
1. Verbrennung
"Schwarz – aus Tobias Rehbergers Kleidung" ist auf den Etiketten der
Pigmentgläser zu lesen, in denen sich das Nachmittagslicht spiegelt. In
ihnen birgt sich das Destillat einer kompletten Garderobe, eines
persönlichen Fundus, der Tag für Tag getragen wurde und anhand dessen
immer wieder neu entschieden wurde, wie man sich denn nun heute der
Außenwelt präsentiert. Um genau zu sein, handelt es sich in diesem Fall um
die unter großer Hitze verkohlten, fein gesiebten und zermahlenen Partikel
eines Mantels, von zweiundachtzig T-Shirts, zwanzig Hemden, zwei
Anzugshosen, achtzehn Pullovern, sieben Hosen, einer Jacke, eines
Jacketts, drei Jeanshosen, drei Anzügen, von neunzehn Paar Socken, einer
Unterhose, drei Krawatten und zwei kurzen Hosen. Sämtliche Kleidungsstücke
stammen aus dem Besitz Tobias Rehbergers und können in ihrem jetzigen
Zustand zu Druckfarbe weiterverarbeitet werden. Als Beitrag zu Visuell
wird Rehbergers "Großer Akt in Schneelandschaft" eine Doppelseite des
Kunstmagazins der Deutsche Bank Art füllen, und so auch mit den Partikeln
seiner Kleidung bedruckt werden.
Aichstetten im Allgäu, im März 2003: Auf dem Grundstück der Firma
Kremer-Pigmente werden wenige Stunden zuvor merkwürdige Vorbereitungen
getroffen. Seit über fünfundzwanzig Jahren entwickelt und produziert das
Unternehmen in der Farbmühle am Fluss Aitrach das weltweit größte
Sortiment an historischen Pigmenten. Ein kleines Wasserkraftwerk treibt
die jahrhundertealte Mühle an, die mit dem eigenen Strom mahlt und siebt.
Auf der schneebedeckten Wiese hinter den Gebäuden, bocken an diesem Morgen
Mitarbeiter Metalltonnen auf Ziegelsteine und füllen sie mit Lagen aus
Grillkohle und über einhundert Weißblechdosen. In ihrem Inneren befinden
sich einzelne Portionen der zerschnittenen und von Reißverschlüssen und
Knöpfen befreiten Kleidung Rehbergers. Zuvor wurden die Ein Liter-Dosen
mit Öffnungen versehen, damit sie unter dem Druck der bei der Verbrennung
entstehenden Gase nicht platzen.
Was inmitten der idyllischen Winterlandschaft anmuten könnte wie ein
alchemistisches Ritual ist ein genau kalkulierter Aufbau, der dazu dient
"größere Mengen von isolierenden Stoffen" zu erhitzen, wie es der
Firmeninhaber Dr. Kremer erläutert. Nur wenn die Kleidung nicht
vollständig verbrennt, sondern langsam verkohlt, kann die notwendige Menge
an Pigmenten gewonnen werden. Im Vorfeld der Aktion gab es allerdings zwei
Einschränkungen: Kunststoffe kamen zur Gewinnung des Pigments nicht in
Frage, und zudem durften nur jene Kleidungsstücke verbrannt werden, die
Rehberger selbst erstanden hatte. Sein Hochzeitsanzug und Geschenke von
Freunden waren von der Prozedur ausgeschlossen. Auf die Frage, welche
chemischen Prozesse vonstatten gehen, wenn fast alle Kleidungstücke eines
der prominentesten deutschen Künstler zu Kohle verglühen, antwortet der
renommierte Pigmenthersteller ebenso detailliert wie lakonisch: "Das ist
eine trockene Destillation. So lautet der chemische Begriff. Ein aus
Baumwolle gewebter Stoff enthält Kohlenstoffatome, Wasserstoff, Sauerstoff
und alle anderen möglichen Stoffe. Wenn Sie das jetzt erhitzen,
destillieren aus dieser Faser die Molekülbestandteile ab, die bei 800 Grad
Celsius da raus wollen. Die 800 Grad Hitze machen der Faser oder dem
Molekül der Faser klar, dass sie sich jetzt chemisch verändern muss. Das
ist eine Art Zwang, den wir hier anwenden. Die Wärme ist der Auslöser für
die chemische Reaktion. Bei dieser Temperatur bleiben nur bestimmte
Bestandteile übrig, alles andere destilliert ab. Das Abdestillierte, das
sind übelriechende Gase, und die muss man verbrennen, sonst stinkt das
wirklich ungeheuer. Was danach übrig bleibt war in diesem Falle schwarzes
bröseliges Material, das aussah als wäre es ein Stück Stoff gewesen.
Obwohl bei dem Stoff nicht besonders viel herauskam, das war echter Dreck."
"Man konnte sehen, wie die blau lackierten Tonnen langsam durchglühten",
erinnert sich die Frankfurter Fotografin
Bärbel Högner, die die Vorbereitungen zum Großen Akt vor
Schneelandschaft begleitete, "und auch die kleinen Dosen mit den
Kleidungsstücken hatten am Ende der Prozedur wunderschöne Farben bekommen:
rostig, Anthrazit, tiefschwarz." Högners Fotos halten detailreich die
einzelnen Stadien der Verbrennung und die darauffolgenden Verfahren des
Umfüllens, Mahlens und Aussiebens der Pigmente fest - die immer weiter
fortschreitende Transformierung der Kleidung Rehbergers hin zu einem
monochromen Farbpulver, das später im gedruckten Bild wiederum eine neue
Form annehmen wird. Dass Rehberger an diesem Märztag persönlich nicht bei
der Aktion anwesend ist, entspricht durchaus dem Konzept.
2. Transformation
"Es geht bei dieser Sache im Grunde
genommen nicht darum, dass es sich hier um eine Verbrennungsaktion
gehandelt hat. Für mich war es vielmehr wichtig, am Ende des Prozesses
eine Arbeit zu erhalten, die aus einem Material hergestellt wurde, das
zuvor schon einmal eine bestimmte Form hatte." Auf die Frage hin, warum er
für diese Auftragsarbeit gerade seine Kleidung "geopfert" hat, betont
Rehberger ausdrücklich, dass ihn eine eindeutige Festlegung auf eine
solche symbolische Deutungsebene nicht interessiert. Auch wenn in
religiösen,
magischen und
alchemistischen Ritualen das Feuer als Mittel der Reinigung und
Transformation eine wichtige Rolle spielt, war dieser Aspekt bei der Idee
zu seinem Großen Akt vor Schneelandschaft nicht
ausschlaggebend:
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"Es mag sein, dass man die Arbeit auf diese Weise logisch
und sinnvoll interpretieren kann. Das stand für mich allerdings nicht zur
Debatte. Mich interessierten die Thematik des Porträts und die Überführung
von alltäglichen Dingen, ihre Umwandlung und Übersetzung in etwas anderes,
und das was während dieses Prozesses mit ihrem Ausdruck passiert. Auch
wenn es sich bei dem endgültigen gedruckten Bild nicht um ein typisches
Selbstbildnis, sondern um eine abstrakte Winterlandschaft handeln wird,
bilde ich mich auf gewisse Weise darin durch meine Kleidung ab, die als
Bestandteil der Druckfarbe präsent ist. Die komplette Ausstattung von
jemandem ist ja zugleich so etwas wie das Porträt der betreffenden Person.
Die Kleidung hat einen ästhetischen Wert, und das hängt auch mit der
Darstellung des Selbst zusammen. Da in diesem Fall meine Kleidung das
Ausgangsmaterial bildet, transportiert das gedruckte Bild in sich
weiterhin den Gedanken des Porträts.", erklärt Rehberger
"Rehberger versteht es wie kaum ein anderer, den banalen Dingen eine höhere
Weihe zu verleihen, unser alltägliches Lebensumfeld in einen feierlichen
Ausnahmezustand zu versetzen", schrieb die
Neue Zürcher Zeitung anlässlich seiner opulenten Werkschau
Geläut bis ich es hör... , die im letzten Jahr im Karlsruher
ZKM gezeigt wurde. Tobias Rehbergers oftmals mit dem Designstil der
siebziger und achtziger Jahre spielende
Environments,
Möbelentwürfe,
Skulpturen und
Deckengestaltungen haben ihm in den neunziger Jahren einen internationalen
Durchbruch beschert. Neben dem Werk von
Jorge Pardo oder
Rikrit Tiravanija werden Rehbergers Arbeiten immer wieder mit dem Label
der "Ambient Art" versehen, die als Cross Over zwischen Popkultur und
Kunst in den unterschiedlichsten Lebensräumen interveniert. Dazu gehören
als künstlerische Dienstleistung auch die Einrichtung von Sitz- und
Lesecken, VIP-Lounges und Konferenzräumen für Kunstvereine, Firmen und
Institutionen, mit denen Rehberger in den letzten Jahren immer wieder
betraut wurde.
Dass von seinen Epigonen der zum siebziger Jahre
Retrodesign neigende Oberflächenkult dabei meist nur formalistisch
nachgeahmt wurde, beruht auf einem grundlegenden Missverständnis von
Rehbergers gesellschaftlich ausgerichteter Analyse der Kunstwelt und ihrer
potenziellen Nutzer. So verfolgt der Künstler mit seiner Arbeit nicht die
Überführung von Design in den Bereich der bildenden Kunst. Vielmehr
beschäftigt ihn die Frage, was eigentlich einen Künstler und sein
Kunstwerk ausmacht, und in welchem Maße Kunstproduktion und –rezeption
durch individuelle und kollektive Vorstellungen, Erwartungen,
Wahrnehmungen und äußere Einflüsse bedingt werden. Seine Arbeit ist die
eines Forschers, der die Beziehungen der Menschen zu ihrer
gegenständlichen Welt untersucht, indem er alltägliche Gegenstände und
Handlungen, die so offensichtlich zu sein scheinen, dass sie unsichtbar
geworden sind, ans Tageslicht holt oder ins künstliche Licht rückt.
3.Aufladung
Hierbei greift Rehberger auf vorhandene Strukturen
zurück, wie auch bei seinem Konzept für ein temporäres Kunstwerk im
öffentlichen Raum, das er für die von der Deutschen Bank initiierte
Kunstreihe Moment
entwickelte: Als Eingriff in das Stadtbild Venedigs schlug er vor, ein
Stadthaus mit organisch geformten Eisblöcken in einer ephemeren
Architekturhülle zu umschließen, die im Wechsel der Jahreszeiten schmelzen
würde, um schließlich das dahinter verborgene Gebäude allmählich
"sichtbar" zu machen. Ganz gleich ob Rehberger nun Blumen- und Gemüsebeete
in der abstrakten Ornamentik von Mondrians Gemälden anpflanzt, wie auf der
Luxemburger
Manifesta2 1998, von Handwerkern in Thailand
Volkswagen nach seinen aus dem Gedächtnis gezeichneten Skizzen anfertigen
lässt oder Freunde, Auftraggeber und Ausstellungsbesucher nach ihren
Sehnsüchten, Bedürfnissen und Wünschen befragt, um auf dieser Grundlage
Skulpturen und Environments zu entwickeln – immer dient eine kommunikative
Situation als Ausgangspunkt für seine Interventionen.
Zu
Rehbergers Strategien gehört es demnach, andere Personen an der Entstehung
eines Kunstwerkes zu beteiligen, und so die Fragen nach der Subjektivität
und der Autonomie auf unterschiedliche "Mitautoren" zu verlagern, wobei es
sich ebenso um Freunde, Fremde oder auch Personen handeln kann, die ohne
ihr Wissen in den Kunstprozess eingebunden werden. "Mich interessieren die
unterschiedlichen Einflüsse bei der Entstehung einer Arbeit," äußerte
Rehberger 2001 im Interview mit dem Autor und Kurator
Jan Winkelmann: "Diese schaffe ich künstlich, indem ich Prozesse auf eine
gewisse Art und Weise generiere und dabei Dinge 'querschießen'". Mit dem
von Rehberger betriebenen Aufbrechen von vorhandenen Strukturen, der
Umgestaltung und Distribution von Wirklichkeit, fließen nicht nur Zufälle
und unvorhergesehene Ereignisse in die Werkgenese ein, sondern auch die
Erwartungen, Erfahrungen und Projektionen aller an der Arbeit Mitwirkenden.
"Jeder Mensch sieht die Kunst anders; ich mache nur Vorschläge" ist eines von
Rehbergers Statements. Das gilt auch für die Entstehung des Großen
Aktes vor Schneelandschaft. Wie radikal das Werkkonzept nicht nur die
Frage nach künstlerischer Authentizität und Autonomie, sondern auch
tiefliegende persönliche Assoziationen zum Vorschein bringen können,
verdeutlichen auch die vielfältigen "querschießenden" Eindrücke, die die
Verbrennung bei den Beteiligten ausgelöst hat.
"Immer, immer sind diese Verbrennungsgeschichten mit einem ein wenig makaberen
Seitenaspekt verbunden gewesen", äußert Dr. Kremer. "Weil das Gas, das aus
den Dosen kam, nicht so gut gebrannt hat, hat es am Anfang ziemlich
gestunken. Und dann gab es diesen weißen Rauch, und dieser Rauch hat in
mir gewisse Assoziationen an Krematorien geweckt, an Krematorien, die es
hier in Deutschland vor sechzig Jahren gegeben hat. Als ich das Frau
Högner erzählte, konnte sie nach einer Weile schier nicht mehr hinschauen."
"Jedes Kunstwerk hat eine Geschichte und diese ist insofern auch Bestandteil
der Arbeit," merkte Tobias Rehberger im Interview mit Jan Winkelman an."
Bei vielen meiner Arbeiten ist die Geschichte zwar der Ausgangspunkt, der
aber nicht unbedingt für jeden sofort ersichtlich ist. In diesem Sinne
sind meine Arbeiten nicht erzählerisch. Was mich dabei interessiert, ist
das Verhältnis von Geschichte und der Präsenz der Arbeit selbst." Die
Kleidung ist verbrannt, man steht nackt da: Mit der Entblößung des
Künstlers, die sich im Großen Akt vor Schneelandschaft
andeuten mag, geht die Freisetzung verborgener Gedankenbilder einher – von
vielleicht nur beiläufig registrierten Wahrnehmungen, die sich in seiner
Arbeit als Projektionen individueller und kollektiver Sehnsüchte und
Ängste manifestieren. Der Große Akt vor Winterlandschaft bricht den Fluss
der visuellen Kodierungen und stellt eingefahrene Mechanismen von
Repräsentation in Frage. Das "Bild" des Künstlers erscheint dabei fast
unsichtbar, aufgelöst in mikroskopisch feine Partikel, von denen jedes
einzelne mit Geschichten, Erinnerungen und Wunschvorstellungen aufgeladen
ist.
Copyright für alle Abbildungen: Bärbel Högner,
Frankfurt/Main
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