Auf der Suche nach Robert Wilson
"Zeichnen ist eine Art zu denken": Zur Zeit ist der New Yorker Künstler und
Regisseur Robert Wilson mit einer Musicalproduktion und zwei
Ausstellungsprojekten in Berlin zu sehen. Im Interview erklärt er, welche
Rolle die Zeichnung in seinem Werk spielen.
Leonce und Lena, Berliner Ensemble, 2003
Viele Größen des Musikgeschäfts haben
Robert Wilsons künstlerische Laufbahn begleitet: Dazu gehörte
Philip Glass, dessen
Einstein on the Beach nur entfernt an sein kommerziell erfolgreicheres
Werk, wie zum Beispiel die Filmmusik von
The Hours erinnert. Den Rockmusiker
Lou Reed gewann Wilson für die Mitarbeit an
POE-try, und da ist natürlich auch
Tom Waits, der alte Weggefährte von
Black Rider,
Alice und
Woyzeck. Es ist also nur folgerichtig, dass Wilson bei seinem neuen
Projekt,
Leonce und Lena, das gerade im
Berliner Ensemble Premiere hatte, erneut mit einer prominenten Erscheinung
der Musikszene zusammenarbeitet - dem deutschen Popstar
Herbert Grönemeyer.
Leonce und Lena ist Wilsons dritte
Büchner-Inszenierung.
Leonce und Lena, Berliner Ensemble, 2003
Zuvor
realisierte er 1992
Dantons Tod und im Jahr 2000 den Woyzeck. In Berlin scheint
Wilson zur Zeit allgegenwärtig: Die
Neue Nationalgalerie zeigt die von der New Yorker Guggenheim übernommene
Armani-Retrospektive, für die er das Ausstellungsdesign konzipierte,
in einer Privatgalerie ist Wilsons Installation
On a Clear Day You Can See Your Mother II zu sehen.
Eigentlich
könnte man sich überall auf der Welt auf die Spuren von Robert Wilson
heften, ganz gleich ob in Paris, London oder anderswo. Wieder zurück in
New York treffe ich die Kuratorin
Liz Christensen im Foyer der Deutschen Bank. Ausgestattet mit einer Liste
von Wilsons in der Sammlung vertretenen Kunstwerken, machen wir uns auf
die Suche nach seinen Arbeiten; steigen in die Fahrstühle des Bankgebäudes
in Midtown Manhattan und durchstreifen ein Stockwerk nach dem anderen.
Auf Anhieb wirken Wilsons Zeichnungen und Lithographien wie Bühnenskizzen.
Betrachtet man sie jedoch im Zusammenhang mit den Aufführungen und
Bühnenbildern, lassen sich die New Yorker Arbeiten, die er für
The King of Spain (1969),
A Letter for Queen Victoria (1974) und
Parsifal (1985) ausgeführt hat, auch als ganz eigenständige Kunstwerke
verstehen.

Robert Wilson, Act III scene 1, aus Alceste, 1986
Courtesy of Byrd Hoffman and Water Mill
Foundation
Sammlung Deutsche Bank
Der Kunstkritiker Robert Stearns schrieb: "Ein konventioneller Dramatiker
beginnt mit dem Text, Wilson geht von Zeichnungen und Diagrammen aus."
Wilsons Bühnenarbeiten sind Oper und Theater zugleich. Er versteht "den
Raum horizontal und die Zeit vertikal", worauf auch die Säulen hinweisen
könnten, die in seinen Inszenierungen stets präsent sind: Eine Methode,
das Publikum daran zu erinnern, dass Geschichte sich in Zeitabschnitten
bewegt. Ein Großteil der Zeichnungen und Lithographien sind in
schwarz-weiß gehalten, obwohl die Zeichnungen für Queen
Victoria und The King of Spain beide in blauer Tinte ausgeführt
wurden, vermutlich mit einem Füllfederhalter.
|
Wilsons Zeichnungen sind als "Bühnen-Bilder" bezeichnet
worden. Während die architektonische Beschaffenheit seiner
Bildunterteilungen auch zur maßstabsgetreuen Umsetzung auf der Bühne
dient, geht es bei den Zeichnungen und Lithographien letztendlich um die
Handlung: Schauspieler erscheinen, ein Stuhl wird besetzt oder einsam
zurückgelassen.

A Letter for Queen Victoria, 1971/1972
Sammlung Deutsche Bank Courtesy of
Byrd Hoffman and Water Mill Foundation
Bei
Leonce und Lena beginnt das Theater mit Betreten des Zuschauerraums.
Bald haben die Darsteller ihre Position zwischen den Säulen eingenommen,
ein Schauspieler springt auf, die Silhouetten der anderen heben sich vor
einer märchenhaften Landschaft ab. Obwohl die Gliederung der Zeichnungen
an die Kompositionen eines
Filippino Lippi,
Botticelli oder gar
Piero della Francesca erinnert, ist Wilsons Empfinden stark von seinen
Anfängen in den Sechzigern geprägt, als er im Umfeld des Choreographen
Merce Cunningham gegen die Strömung des Minimalismus arbeitete und auf
Happenings und das Living
Theater reagierte. Als Student war Wilson ein Schüler des abstrakten
Expressionisten
George McNeil, und das hat seine Kunst grundlegend beeinflusst, aber
vielleicht sogar mehr noch sein Leben.
Bei dem Gespräch, das wir
über George McNeil und die Entwicklung von der Zeichnung bis zur
Theaterinszenierung führten, gesteht Wilson, dass seine Arbeit in früheren
Jahren "barock" war und sie "nicht in den Zeitgeist passte und vielleicht
noch immer nicht passt". Gelassen setzte er hinzu, dass sein Theater "am
Broadway nicht funktioniert, auch nicht an der Met oder im Lincoln
Center". Er bemerkte: "Meine Kunst war illusionär. Ich wandte Techniken
des 19. Jahrhunderts an, verbarg aber die Schnüre. Daneben arbeitete ich
mit Film, Video, machte Zeichnungen, Skulpturen, Möbel. Es war eine
Mischung aus allem. Ich war ein typisches Produkt der sechziger Jahre.
Mein Theater war sehr formalistisch. Es beschrieb Menschen des 19.
Jahrhunderts aus der Perspektive des 20. Jahrhunderts, war aber zugleich
Teil dessen, was gerade passierte."
So sprach Wilson und
setzte flugs zum Sprung ins 21. Jahrhundert an, das 19. Jahrhundert dabei
stets im Hinterkopf.

Parsival no. 10, 1985 Sammlung
Deutsche Bank Courtesy of Byrd
Hoffman and Water Mill Foundation
- - - - - -
- - -
Cheryl Kaplan: Beginnt die Theaterarbeit mit dem
Zeichnen? Es wirkt so, als gäbe es keinen Unterschied zwischen den
Zeichnungen und dem, was auf der Bühne und durch die Bühne geschieht.
Erzählen Sie mir von ihrem Studium bei George McNeil. Was haben Sie von
ihm und der Zeit mit ihm gelernt?
Robert Wilson: George
McNeil war eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Er sprach über Martha
Graham. Über Horowitz. Er sprach über alles Mögliche. Er redete über
Musik. Wie man richtig zuhört. Er sprach von Gliederung, von
Ausschmückung. Er sah sich ein Bild an, das man gemacht hatte, sprach aber
über diese anderen Dinge. Er war zwar ein abstrakter Expressionist, aber
er beobachtete stets die Natur. Sie inspirierte ihn. Ich glaube, das hat
tiefe Spuren in meiner Arbeit hinterlassen. Manchmal erzähle ich einem
Schauspieler, "stell dich hin wie eine Kiefer, ganz erhaben." McNeil
meinte, die Kiefern im Wald seien so erhaben. Eben förmlich.
Wo haben Sie bei ihm studiert?
In Paris. Ich studierte Malerei und
ging nach New York ans Pratt Institute. Zunächst studierte ich bei ihm und
wurde dann später sein Assistent. Er hatte das Gefühl, einen Keim oder
etwas ähnliches in einem jungen Menschen zu säen. Ich spürte, dass er
immer auf meiner Seite stand. Ich war kein besonders guter Schüler, auch
kein guter Maler, aber das zählte nicht.
[1]
[2]
|