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Die Idee der Freiheit
Mit der
Ausstellung
O Retorno dos Gigantes / Die Rückkehr der Giganten präsentiert die
Sammlung Deutsche Bank derzeit eine umfassende Sicht auf die deutsche
Malerei von 1975-1985 in Lateinamerika. Gezeigt werden hundertfünfzig
Zeichnungen und Gemälde von Vertretern der Neo-Expressionisten (Georg
Baselitz, Markus Lüpertz, Jörg Immendorff, A.R. Penck) und der Neuen
Wilden (Salome, Karl Horst Hödicke, Jiri Georg Dokoupil, Rainer Fetting,
Middendorf, Elvira Bach). Nach Station in Monterrey und Mexiko City war
die Schau jetzt im
Museu de Arte Moderna in Sao Paulo zu sehen. Im Interview erläutert
Rejane Cintrao, leitende Kuratorin des MAM, das Verhältnis brasilianischer
Künstler zur deutschen Malerei der achtziger Jahre.

MAM Sao Paulo, 2003
Marie Luise Knott:
Wie und warum entstand die Idee, diese Ausstellung, die ja bereits in
Monterrey und Mexiko City zu sehen war, zu übernehmen?
Rejane Cintrao: Als uns Hector Ramos, der Vizepräsident der
Deutsche Bank Americas Foundation, die Übernahme dieser Ausstellung
vorschlug, waren wir sehr glücklich und haben sogleich Kontakt mit den
deutschen Kuratoren und der Deutschen Bank Brasilien aufgenommen, vor
allem mit Datia Sano und Silvana Cerioni. Ich war auch persönlich sehr
engagiert, nicht zuletzt, weil ich 1983 bei der Biennale in Sao Paolo
Führungen gemacht hatte und damals auch Penck und Lüpertz kennen gelernt
hatte, die bei der Biennale gezeigt wurden. Zwei Jahre später, 1985,
habe ich als Mitarbeiterin am Museum für zeitgenössische Kunst an der
Universität Sao Paolo bei der Biennale mitgewirkt. Dort war auch
Dokoupil eingeladen. In jenen Jahren hatte ich bereits engen Kontakt zu
brasilianischen Künstlern, vor allem zu den Jungen von der
Geracao 80 (Generation 80) , die damals noch am Anfang ihres Erfolges
standen.
Die jetzige Ausstellung Die Rückkehr der Giganten
steht in einem engen Zusammenhang mit dem Programm des MAM. Vor fünf Jahren
hatten wir eine große Ausstellung mit
Anselm Kiefer, und vor drei Jahren eine wunderschöne Ausstellung über
deutschen Expressionismus mit der Sammlung aus dem Wuppertaler
Von der Heydt Museum. Anfang dieses Jahres zeigten wir die Ausstellung
2080 mit brasilianischen Künstlern der Geracao 80. Wir
wollten Die Rückkehr der Giganten unbedingt auch hier
zeigen, zum einen, um die Auseinandersetzung mit dem
Expressionismus zu vertiefen, und zum anderen, weil wir den Einfluss des
Expressionismus auf die zeitgenössischen brasilianischen Künstler
diskutieren wollten.

Ausstellungseröffnung
Knott:
Als vor über zwanzig Jahren Vertreter der Neo-Expressionisten erstmals in
Brasilien auf der Biennale zu sehen waren, wurden sie begeistert
aufgenommen, sowohl von den Künstlern als auch von den Besuchern. Was
hat die Brasilianer damals so fasziniert?
Cintrao: Die
Neo-Expressionisten wurden damals nicht nur begeistert aufgenommen,
sondern sie beeinflussten auch die Arbeiten vieler junger Künstler. In
Rio und Sao Paolo entstand damals eine Bewegung zurück zur Malerei. Auch
heute ist Die Rückkehr der Giganten ein großer Erfolg. Wir
hatten bereits mehr als 28.000 Besucher, vor allem Studenten, die durch
unsere kunstpädagogische Arbeit kommen. Die Ausstellung ist in aller
Munde, bei Kunstkritikern, Künstlern und Kunstliebhabern gleichermaßen.
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Karl Horst Hödicke: Narziss, 1983,
Sammlung Deutsche Bank
Knott:
Immer wieder liest man über den Einfluss der italienischen
Transavanguardia und der Neuen Wilden auf die
brasilianische Kunst der Geracao 80. Sie alle hatten einen
ähnlichen Impuls: Nachdem zwanzig Jahre lang Rationalismus,
Konzept-Kunst und Minimalismus in der Kunst dominiert hatten, erfuhr mit
einem Mal die figurative Malerei überall auf der Welt einen neuen
Aufschwung. Gibt es wirklich Übereinstimmungen oder Überschneidungen
zwischen deutscher und brasilianischer Kunst der damaligen Zeit?
Cintrao: Auch in Brasilien dominierte über Jahre die Konzeptkunst. Nach
dem Ende der
Diktatur (mehr
hier) schöpften die Brasilianer in den achtziger Jahren neue Hoffnungen.
Auch für die Künstler begann etwas Neues: Freiheit. Die Rückkehr zur
Malerei war eine freiheitliche und glückliche Zeit. Nicht nur für die
Maler der Geracao 80, sondern auch in der Musik gab es diesen
Aufschwung und dieses Glück. Überall in den Städten entstanden plötzlich
Musikgruppen...
Ich glaube, die Übereinstimmungen zwischen
Brasilien und Deutschland besteht darin, dass die Rückkehr zur Malerei
in beiden Ländern zusammenfällt mit einem historischen Moment
politischer Freiheit. In Brasilien mit der Rückkehr zur Demokratie nach
zwanzig Jahren Diktatur. In Deutschland vielleicht mit dem Ende des
Wiederaufbaudiktats und der gesellschaftlichen Öffnung nach 68.

Ausstellungseröffnung
Knott:
Gibt es auch auf ästhetischer Ebene eine Beeinflussung der brasilianischen
Kunst durch die Neo-Expressionisten?
Cintrao: In gewisser
Weise ja. Die Idee der Freiheit fand ihren Ausdruck ja auch im Ungang
mit der Leinwand und in der Art des Pinselstrichs. Die Deutschen trauten
sich was, und am wichtigsten war ihnen, dass sie durch die Malerei
ausdrücken konnten, was sie empfanden. Gerade dieser freiheitliche
Malgestus beeindruckte die brasilianischen Künstler am Ende der
Diktatur. Fragen der Haltbarkeit schienen damals unbedeutend. Anfang der
neunziger Jahre, als durch das Aufkommen von Aids Themen wie Identität
in den Vordergrund rückten, änderte sich das.
Aber
damit Sie mich nicht missverstehen: Deutschland und Brasilien sind zwei
äußerst verschiedene Länder, deren Kunst ebenfalls äußerst verschieden
ist. Auch wenn die brasilianischen Künstler immer aufs Ausland schauen
und internationale Anerkennung finden, gibt es eine völlig eigenständige
Prägung – oder, wie der Kunstkritiker
Tadeu Chiarelli das kürzlich nannte: eine "Brasilian International Art".

Walter Dahn: Alptraum, 1984, Sammlung Deutsche Bank
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