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Demonstrativ modern: Miwa Yanagi
In der
Sammlung der Deutschen Bank Tokio ist das Werk zeitgenössischer
japanischer Fotografen gut repräsentiert. Die Fotografin Miwa Yanagi,
deren Arbeiten das Deutsche Guggenheim Berlin ab Ende Januar 2004 in
einer Einzelausstellung zeigt, nutzt die Ästhetik der Werbefotografie,
um sie zu besiegen. Das ist klassische japanische Kampfkunst: Den Gegner
mit seiner eigenen Kraft zu schlagen. Arno Widmann stellt die
Künstlerin vor.
Die 1967 in Kobe geborene
Miwa Yanagi gehört zu Japans bekanntesten Fotokünstlerinnen. 1993 hatte
sie nach ihrem Kunststudium in Kyoto ihre erste Ausstellung in Kobe,
1995 in Tokio und schon 1996 war sie in Deutschland zu sehen: in der
Frankfurter Schirn. Im Jahr darauf in New York und seit dem ist sie
jedes Jahr auf vielen Ausstellungen überall auf der Welt vertreten.
Ein wichtiger Grund für ihren Erfolg ist ihr Hang zur Perfektion. Alle ihre
Fotos sind zigfach bearbeitet. Sie benutzt den Computer wie die
klassischen Maler die Lasur. Mit seiner Hilfe stellt sie eine makellos
glatte Oberfläche her, jenen Eindruck porentiefer Reinheit, an den uns
die Werbefotografie gewöhnt hat.
Miwa Yanagi entzieht sich dieser Ästhetik nicht. Sie gehorcht ihr. Um sie
zu besiegen. Das ist eine klassische japanische Kampfform. Miwa Yanagi
hat den schwarzen Gürtel in der Kunst, den Gegner mit seiner eigenen
Kraft zu schlagen.

Miwa Yanagi: Eternal City I, 1998, Sammlung Deutsche Bank
©Miwa Yanagi
Miwa Yanagis Fotos zeigen
vorzugsweise Frauen. Man denke nur an die in einem futuristischen Raum
an einander geklammerten Hostessen in "Eternal City I" aus der Sammlung
Deutsche Bank in Tokio oder an die großen Serien wie die
Elevator Girls oder
My Grandmothers. Styling und Make up spielen auf den Fotos von Miwa
Yanagi keine geringere Rolle als auf Modefotos. Es sind meist
Indoor-Aufnahmen, Interieurs. Die Künstlerin hat gern alles im Griff. Wo
nicht, da muss der Himmel seinen ganzen Glanz zur Verfügung stellen, um
ihren Frauen Licht und Weite zu geben.

Miwa Yanagi: Elevator Girl House B4
©Miwa Yanagi
Mit der gleichen
Perfektion, mit der Miwa Yanagi den Set beherrscht, beherrscht sie auch
die Augen des Betrachters. Sie lenkt seine Blicke. Fast jedes ihrer
Fotos hat ein klares, unbezweifelbares Zentrum. Das geht manchmal so
weit, dass sie nur der Hauptperson Schärfe gibt (Yoshi in
My Grandmothers ). Ganz klar wird das, wenn man Hiroko -
ebenfalls aus
My Grandmothers - betrachtet. Die Hauptperson, Hiroko steht im
Hintergrund, allerdings vor einem großen Fenster, sodass ihr Oberkörper,
ihr Kopf, der rechte Brillenbügel, sich deutlich abheben. Das zentrale
Motiv des Fotos ist ein aufgeklappter Koffer. So etwas kommt bei Miwa
Yanagi sonst nicht vor. Nie folgt sie einer Ästhetik der Beiläufigkeit.
Was sie zeigen will, das zeigt, ja inszeniert sie. Miwa Yanagis Fotos
sind Bühnen, die aus Frauen Heldinnen machen. Selbst wenn eine alte Frau
nur an einem
Flugzeugfenster sitzt und hinausschaut, dann sitzt sie da wie eine
Königin. Sie lächelt nicht. Sie träumt nicht. Sie schaut, und sie denkt.
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Miwa Yanagi: Sachiko, My
Grandmother-Series, 2001 ©Miwa
Yanagi
Für die Serie
My Grandmother hatte Miwa Yanagi in Anzeigen nach jungen Modellen gesucht
und sie darüber befragt, wie sie sich ihr Leben in fünfzig Jahren, als
Großmutter, vorstellen. Diese im Dialog entstandenen Zukunftsbilder der
jungen Frauen zeigt Yanagi in ihren Bildern, die von kurzen Texten
begleitet werden. Es sind einfache Sätze. Miwa Yanagi scheint nichts
mehr zu fürchten als die Poetisierung. So kunstvoll ihre Fotos
arrangiert sind, so sehr sie auf jedes Detail achtet, so genau weicht
sie jeder Versuchung der Idealisierung aus. Die sorgfältig
herbeipolierte und herbeiretuschierte Glätte der Oberfläche dient nicht
der Erzeugung der Illusion von Jugend. Sie erzeugt gar keine Illusion.
Sie zeigt auf nichts als sich selbst und - denkt man ein wenig nach -
auf die Arbeit, die es kostete, sie zu erreichen. Das macht die Kälte
der Fotografien von Miwa Yanagi aus. Sie ist ihr größter Reiz und allein
darin sind sie - demonstrativ - modern.

Miwa Yanagi: Hiroko, My Grandmother-Series, 2001
©Miwa Yanagi
Texte könnten diesen Effekt
leicht zerstören. Sie sind gar zu leicht ein Medium der Einfühlung, der
Identifikation. Miwa Yanagis Texte lenken nicht ab von der Oberfläche,
sagen nur wenig über die Personen, sie eröffnen keine neuen Welten. Sie
führen den Blick des Betrachters wieder zurück auf das Bild. Die
Informationen der Texte beflügeln nicht seine Fantasie, sie lassen ihn
die Schärfe seiner Wahrnehmung kontrollieren. Er sucht jetzt in den
Fotos nach etwas, aus dem er hätte erraten können, dass zum Beispiel die
alte Domina Hiroko der vor ihr auf dem Bett sitzenden jungen erzählt,
gegen wie viele Vorurteile sie früher hat kämpfen müssen:
"Du begreifst es einfach nicht. / Diese Reise mache ich nicht zum Vergnügen,
sondern das ist eine Geschäftsreise. / Alle Sklaven dieser Welt sind
meine Kunden, verstehst du? / Du bist nur so verhätschelt, weil du die
Enkelin der 'legendären Domina' bist. / Dabei bist du immer noch eine
halbe Portion. Das musst du wirklich auseinanderhalten. / Als ich so alt
war wie du, / waren individuelle sexuelle Dienste noch illegal. Es gab
überhaupt keine Absicherung für uns. / Die Krankheit, die du neulich mit
einer einzigen Spritze bekämpfen konntest, war früher unheilbar und
viele Leute sind daran gestorben! / Um meine Arbeit als professionelle
Domina fortführen zu können, musste ich gegen so viele Diskriminierungen
und unfaire Gesetze kämpfen ... He, hallo! Hörst du mir eigentlich zu? /
Es ist mir unmöglich, mich aus dem Geschäft zurückzuziehen, wenn ich
sehe, wie gedankenlos ihr jungen Leute euch auf dem von mir errichteten
Fundament ausruht."
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