In dieser Ausgabe:
>> Ein Interview mit Tom Sachs
>> Tom Sachs' Installation "Nutsy's"
>> Die Fragilität der Symbole
>> Waffen, Status, Shopping

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Waffen, Status, Shopping
Tom Sachs' ultra-demokratische Modellwelten


In seiner Installation Nutsy's im Deutsche Guggenheim Berlin treten die Utopien der Moderne mit der Realität von globalen Ghettos und zeitgenössischer Warenkultur in Wettstreit. Oliver Koerner von Gustorf über das Werk des New Yorker Künstlers Tom Sachs, der mit seiner Werkstatt "Allied Cultural Prosthetics" Modelle und Bausätze eines selbstgebastelten Kosmos entwickelt, der erstaunlich gut funktioniert und der wirklichen Welt verdammt ähnelt.


"
All the modern things
Have always existed
They've just been waiting
To come out
And multiply
And take over
It's their turn now..."

Björk: The Modern Things, Post, 1996


Prothesen

Manchmal liegen die Dinge in der Luft. Vielleicht ist es der Geruch von Schnee, vielleicht ein Modestil, ein Label, eine Idee, möglicherweise auch die Ahnung kommender gesellschaftlicher Umwälzungen, die alles verändern werden. Manche Dinge liegen gelegentlich jedoch ganz offen, zum Beispiel in einer Auslage an der Madison Avenue, und geben einem das Gefühl, sie gerade zur richtigen Zeit am richtigen Ort entdeckt zu haben.



Hello Kitty Nativity Scene, 1994,© Tom Sachs, New York


Auf Tom Sachs' Gespür für Ironie und richtiges Timing ist Verlass: Seine Weihnachtsdekoration, die er im Winter 1994 für die Schaufenster von Barney's entwarf, rief einen Skandal hervor. Sie bedeutete das Ende seiner Tätigkeit für das Nobelkaufhaus und war zugleich sein furioser Einstieg in die Galerienszene New Yorks: Die von ihm zusammengestellte Krippenszene vereinte das japanische Merchandising-Wunder "Hello Kitty" als neugeborenes Jesuskind, Bart Simpson in der Rolle der heiligen drei Könige und die schwangere Madonna Ciccone als Jungfrau Maria.

Das eigentlich harmlose Credo der "Hello Kitty"-Figur - neben Lesen, Reisen und selbstgebackenen Keksen ist es für jedes Girlie das Beste im Leben, neue Freunde zu gewinnen - führte in Verbindung mit Sachs' kapitalistischer Version der biblischen Heilsgeschichte zu Morddrohungen. Rechte christliche Gruppen gingen angesichts der Installation auf die Barrikaden, die vermeintlich "blasphemische" Krippe brachte es auf die Titelseite der New York Daily News, und das umstrittene Ensemble wurde nach nur einem Tag entfernt. Da waren allerdings schon die Kunsthändler Paul Morris und Thomas Healy auf Tom Sachs aufmerksam geworden. Sie ermöglichten ihm 1995 seine erste Einzelausstellung in ihrer Galerie in Chelsea, deren Titel "Cultural Prosthetics" auf seine Werkstatt "Allied Cultural Prosthetics" verwies, in der er seit den frühen Neunzigern in Lower Manhattan mit einem Team von Mitarbeitern Kunst produziert.


Super Dynamite Soul, 1998
©Sperone Westwater, New York


Es mag nicht von ungefähr erscheinen, dass der Beginn von Sachs' Karriere gerade mit dem Anbruch der digitalen Revolution und der New Economy zusammenfiel, und dass seine Arbeitstechniken und Taktiken im Möbeldesign und der Mode wurzeln. Dem umstrittenen Auftrag bei Barneys's war bereits eine Vielzahl von einschlägigen Jobs vorangegangen. Nach dem Abschluss des Bennington College in Vermont und dem Studium an der Londoner Architectual Association assistierte der 1966 geborene Sachs dem Architekten Frank O. Gehry bei der Herstellung einer Serie von Stühlen für Knoll , arbeitete für den englischen Stardesigner und späteren Habitat-Mann Tom Dixon , entwarf Einkaufswagen für Dries van Noten oder fertigte für Azzedine Alaia aus 22.000 Pennies zusammengeschweißte Kleiderregale an.

Erfindungsgeist, Teamwork, Handwerk – all diese Elemente sollte Sachs für seine spätere Kunstproduktion übernehmen - wobei er den Designteams, PR-Abteilungen und Kreativtanks der "High-Fashion"-Industrie mit Allied Cultural Prosthetics ein alternatives "Low-Fashion"-Modell entgegenstellte: Eine Jungs-Gang, die Mittel zur Produktion einsetzt, die bereits vorhanden sind oder vorgefunden werden, die funktionale und völlig nutzlose Gegenstände zusammen montiert und mit Hilfe von Heißklebepistolen, Hartschaumplatten und Materialien aus dem Heimwerkermarkt einer neuen Funktion zuführt. Tüftler und Sammler also, die unter dem Vorzeichen der "Bricolage" (frz. für Bastelei) das amateurhafte Improvisieren den der industriellen Fertigung genormter Waren vorzieht.



Hermes Handgrenade, 1995 © Tom Sachs, New York


Diese Taktik entstand aus einer bestimmten Notwendigkeit: "Wenn man ein Auge oder ein Bein verliert, bekommt man ein Glasauge oder ein Holzbein. Verliert man seine Kultur, bekommt man etwas von den Dingen, die wir hier herstellen ... Ich versuche einen Ersatz für jene Dinge zu schaffen, die in meinem Leben fehlen", bemerkte Sachs zu der Arbeit mit seiner Werkstatt. Andy Warhols Prophezeiung aus den Sechzigern, die Museen der Zukunft würden aussehen wie Kaufhäuser und die Kaufhäuser wie Museen, sollte durch das selbstgefertigte Warenangebot von Allied Cultural Prosthetics eine zeitgemäße und radikale Erweiterung erfahren. Schon einige Zeit nach dem Skandal bei Barney's waren Sachs' Arbeiten nicht mehr das verkaufsfördernde Dekor für Luxusgüter, sondern selbst ein Luxusgut – begehrte Kunst-Prothese für all jene Bedürfnisse, die Firmen wie Hermes, Tiffany, Chanel oder Prada nicht erfüllen können.


Chanel Value Meal, 1999, © Sperone Westwater, New York

Waffen

2003 sieht Tom Sachs im Interview mit der Kuratorin Maria-Christina Villasenor den Miniatur-Highway, der die urbane Landschaft seiner aktuellen Installation Nutsy's in der Deutschen Guggenheim durchzieht, rückblickend als "Bindeglied zwischen den Themen mit denen ich mich seit Jahren beschäftigt hatte: Lautsprecher, Waffen, Status, Shopping, Wohnungen". Nutsy's ist eine sich auf 1.400 Quadratmeter ausdehnende Welt im Maßstab von 1:25, zu der Modelle von Le Corbusiers gigantischer Wohnanlage Unite d'Habitation, Mies van der Rohe-Möbel, ein McDonald's Restaurant, eine 10.000 Watt Lautsprecheranlage, ein Ghetto, ein modernistischer Skulpturenpark und eine DJ-Zentrale gehören. Für Nutsy's entwickelte Sachs eine komplette Infrastruktur. In den neunziger Jahren waren seine Arbeiten noch vereinzelte Prototypen oder Sets von Gegenständen, die jedoch bereits auf eine kommende Welt verwiesen.



Chanel Chainsaw, 1999, © Sperone Westwater, New York

"Man stelle sich eine Gesellschaft vor", schrieb Anne Slowey 1997 im W-Magazine, "in der einige Großkonzerne einfach alles herstellen – von Fast Food, über Militärausrüstungen bis zur Haute Couture, eine Gesellschaft, in der das übergreifende Merchandising Amok läuft. Mac Donald's Pommes frites werden in schwarz-weißen Pappverpackungen angeboten, auf denen sich das gedoppelte C von Chanel ineinander schlingt, und leuchtend orangefarbene Stealth-Bomber tragen auf ihren Seiten Hermes-Logos zur Schau. Das ist die Welt wie Tom Sachs sie sieht, eine Welt, in der die Zeichen von Unternehmen das ultimative Statussymbol sind und in der Chanel-Kettensägen, Hermes-Handgranaten und Prada-Klo-Pömpel Accessoires erster Wahl darstellen."

Nicht nur die Kunstszene begeisterte sich für Arbeiten wie die über drei Meter hohe und funktionstüchtige(!) Chanel- Guillotine (Breakfeast Nook) von 1998, das aus Original-Verpackungen gefertigte Modell einer Prada-Toilette (1997) oder die Hermes-Value-Meals. Die verblüffende Logik und der aggressive Witz, mit dem Sachs die Ausstrahlung von kaum erschwinglichem Luxus auf selbstgebaute Waffen, Haushaltsgegenstände, Spielzeug, sanitäre Vorrichtungen und "billige" Materialien übertrug, sprach sogar jene Konzerne an, deren Logos er sich ohne Genehmigung angeeignet hatte.



Prada Toilette, 1997, © Tom Sachs, New York

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