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Ortszeit: Thomas Struth im Interview
"Wir können unsere Augen nicht verschließen, wir
halten die Augen offen." Thomas Struths stille Fotografien von New
Yorker Straßenkreuzungen aus der Sammlung Deutsche Bank zeugen nicht nur
von der Faszination, die die Metropole auf ihn ausübt. Seine Porträts,
Innenaufnahmen und Stadtlandschaften untersuchen historische und
phänomenologische Zusammenhänge, die der alltäglichen Wahrnehmung
entgehen. Anlässlich seiner großen Werkschau hat Cheryl
Kaplan Thomas Struth interviewt.
Thomas Struth ist für einige Tage in New York. Die
Retrospektive seiner Arbeiten im
Metropolitan Museum steht kurz vor ihrem Ende; davor war sie in Dallas und
Los Angeles zu sehen, demnächst wird sie in Chicago gezeigt. Im
Gegensatz zur Langsamkeit in Struths Fotografien ist seine Person agil
und voller Tempo. Ich treffe ihn am Informationsschalter des
Metropolitan. Es ist Samstag, Menschenmassen bewegen sich zwischen den
beiden Video-Porträts entlang, die Struth auf beiden Seite der großen
Halle projiziert hat. Während die Taschen von Besuchern kontrolliert
werden, blicken die Porträts auf sie herab, ganz so als wollten sie an
einer eingehenderen Inspektion teilhaben. Aber es gibt noch einen
Umstand, den keiner zu bemerken scheint: eine stille Vereinbarung der
Besucher, die riesigen Figuren einfach nicht zu beachten, die ruhig und
sanft den Raum bestimmen, während Filmzeit unmerklich den Alltag
durchdringt.
Als ich auf Struth zugehe, ist er gerade mitten im
Gespräch mit dem Schweizer Dokumentarfilmer
Jürg Neuenschwander und dessen Frau. Später wird Struth zum
DIA Beacon hinausfahren, um dort an der Eröffnungsfeier teilzunehmen; am
Tag zuvor hatte er ein neues Porträt fertiggestellt. Bevor ich es merke,
verlassen wir vier das Museum und laufen auf der Suche nach einem Kaffee
in Richtung Madison Avenue.
Auf ganz bestimmte Weise macht Thomas
Struth Zeit und Geschichte anschaulich - durch seine Porträts,
Landschaften oder Museumsaufnahmen, durch Straßenszenen oder auch im
wirklichen Leben: Struth sieht immer und ohne Unterlass. Ursprünglich
hatte ich geplant, ihn an jener Kreuzung zwischen Crosby und Spring
Street zu interviewen, wo er soviel Zeit mit dem Fotografieren der
Straßen verbracht hat, als er Ende der Siebziger durch ein Stipendium
nach New York kam. In dieser Stadt, die sich so schnell verändert, dass
es niemand mehr beachtet, haben stille und menschenleere Fotos wie
Crosby Street (1978) eine große Bedeutung. Struth versucht eine Form der
Erfahrung visuell zu erzeugen, die einen direkten Vergleich mit der
Vergangenheit erlaubt - durch eine Arbeit, die Jahre später entstanden
ist.
Der Autor und Kurator
Benjamin Buchloh erklärte kürzlich bei einem Gespräch im Metropolitan:
"Struth betrachtet Subjektivität als einen Vergangenheitszustand, der
unwiederbringlich verloren ist ... Die Erfahrung des Verschwindens wird
in Struths Arbeit auf einer formalen Ebene akzeptiert." Ob das
Verschwundene dann Geschichte wird oder ihr scheinbar entkommt, ist die
Kernfrage bei Struths Projekten. Geschult durch das Studium bei
Gerhard Richter und
Bernd und Hilla Becher erstreckt sich Struths Verständnis von Alltag vor
und zurück durch die Geschichte, um schließlich ganz deutlich in seine
eigene Welt umzuspringen. Sichtbar wird das ebenso auf seinen Porträts
von dem Bellini-Experten und Kunsthistoriker Giles Robertson wie auch
auf seinen Aufnahmen monotoner Reihenhaussiedlungen. Die Transparenz in
Struths Werk vermittelt sich gleichermaßen durch unerschütterliche
Diskretion und die unerschrockene Gegenüberstellung mit der Wirklichkeit.
Cheryl Kaplan: Es gibt in Ihren Fotoarbeiten eine Art Schisma, wobei
sich der Betrachter mit "Wahrheit" konfrontiert sieht und der Eindruck
des Dokumentarischen entsteht Aber darum geht es Ihnen ja eigentlich gar
nicht, oder?

Thomas Struth, Gasse mit Platanen Wuhan, 1997; Sammlung Deutsche Bank
©Thomas Struth, Düsseldorf
Thomas Struth: Warum nicht? Doch, ich glaube schon. Tatsächlich
beziehen sich gleich mehrere Dinge auf den Begriff Wahrheit: Man sieht
architektonische Situationen einer Stadt; in ihr existieren bestimmte
Orte, die man als Resümee, als intensiven Ausdruck des Wesens der Stadt
bezeichnen könnte. Ich versuche also, dieses Wesentliche zu analysieren
oder aufzunehmen. Ich gehe sehr subjektiv vor bei meiner Auswahl, die
auf der anderen Seite aber auch nicht eindimensional sein darf. Es ist
wie bei einem Kartenspiel. Ich nehme eine Karte und hoffe, dass es ein
Joker ist, ob es sich dabei nun um die Wahrheit handelt oder nicht.

Thomas Struth, Shanghai street, 1995, Sammlung Deutsche Bank ©Thomas
Struth, Düsseldorf
Es existiert eine
Form von Wahrheit in urbanen Umgebungen, denn Architektur schafft
gebaute Fakten. Städte sind immer auch subjektiv, aber Stein bleibt
Stein. Sie bilden eine Architektur der Wahrheit, denn diese existiert
ewig, aber wahrscheinlich niemals in ein und derselben Form. Permanent
wird irgendwo gebaut, die Straßen werden immer schlechter, alles ist
ständig in Bewegung. Das ist die eine Wahrheit, aber da sind auch noch
die Absichten des Autors oder Fotografen, die ebenfalls eine Form der
Wahrheit darstellen, wenn man sie auch nicht so leicht erkennen kann.
Man hat bei den Straßenaufnahmen besonders in den siebziger Jahren den
Eindruck, als ob Sie in der Fotografie ankommen, ja, sich regelrecht in
den Bildern niederlassen...
Ja genau, das stimmt, was Sie
sagen. In
Düsseldorf begann ich, mit einer großformatigen Kamera fast
dreihundert Straßenaufnahmen zu machen, und dann blieben aus diesem
riesigen Konvolut doch nur drei oder vier übrig. In einer
Studentenausstellung war damals noch eine größere Anzahl dieser Fotos zu
sehen, aber kurz danach kam ich zu der Erkenntnis, dass es sich bei den
Aufnahmen doch eher um einzelne Bilder handelte, was mich mehr an das
Schreiben erinnerte. Die Analyse meiner Arbeit geschieht während des
Prozesses - und es ist ein langer Prozess.
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Thomas Struth, Coenties Slip, New York
(Wallstreet) 1978, Sammlung Deutsche Bank ©Thomas Struth, Düsseldorf
Es entsteht manchmal der Eindruck, als ob das Erzählerische in Ihren
Arbeiten als erstes entfernt wird, aber wenn man genauer hinschaut,
scheint dieses Ausblenden bloß ein vorübergehender Zustand zu sein. Auf
den Betrachter überträgt sich das Gefühl, dass zunächst etwas weggenommen
und dann wieder eingefügt wird. Welche Rolle spielt für Sie der Betrachter
mit seinen Erwartungen eines Plots und einer Handlung?
Das
Narrative ist außerordentlich wichtig, Wenn ich mich in einer Stadt
aufhalte, versuche ich die architektonische Umgebung zu lesen. Ich sauge
das Narrative geradezu mit meinen Augen auf und verarbeite einen Teil
davon. Stadtansichten besitzen eine fast epische Qualität. Die Stadt
erzählt von weitläufigen sozialen Zusammenhängen, was viel mit kollektiven
Erfahrungen zu tun hat.

Thomas Struth, New York, 1978, Sammlung Deutsche Bank ©Thomas Srtuth,
Düsseldorf
Auf diese Diskrepanz
zwischen persönlichem Engagement und gleichzeitiger Distanz trifft man
auch bei Ihren Fotografien von den Robertsons: The Porträt of Giles
and Eleanor Robertson, Edinburgh und Giles Robertson with Book,
Edinburgh, beide von 1987. In welcher Form trägt das Narrative zu einer
gesellschaftlichen Analyse bei?

Thomas Struth, Giles Robertson (smiling), 1987 Courtesy Thomas Struth and
Marian Goodman Gallery
Mein erster Aufenthalt
in Edinburgh war
ein unglaubliches Erlebnis. Mich hat es häufig fast bestürzt, vor allem
als Deutscher aus einer Generation, die mit den sichtbaren Folgen des
Faschismus und des Zweiten Weltkriegs aufgewachsen war, dass sich eine
Stadt in ihrer historischen Form erhalten hat, wo Geschichte sozusagen
ungebrochen erfahrbar ist (
Bilder). Ich habe ähnliches vorher schon in London oder Paris oder auch
Rom erlebt, aber als ich nach Edinburgh kam, fand ich dort nicht nur eine
vollkommen intakte Stadtlandschaft vor, sondern konnte zudem feststellen,
dass die Schotten eine ausgeprägte, tiefe Beziehung zu ihrer eigenen
Geschichte besitzen. Auch Leute ohne qualifizierte Ausbildung kannten sich
gut in ihrer Geschichte aus. Als ich die Robertsons zum ersten Mal
getroffen habe, über einen ihrer Söhne, dachte ich, ich wäre in so ein
historisches Märchen geraten. Für mich sahen diese Leute aus, als ob sie
im 17. Jahrhundert leben würden. Das taten sie natürlich nicht. Für mich
war es eine faszinierende Erfahrung, ein Porträt von ihnen zu machen,
wegen Giles' Beziehung zur Kunst als
Kunsthistoriker und auch wegen seines ruhigen Charakters.
Auf
diesem Foto kann man Geschichte förmlich spüren...

Thomas Struth, Porträt von Giles und Eleanor Robertson, 1987
Courtesy Thomas Struth and Marian Goodman Gallery
Als ich die beiden zum ersten Mal getroffen habe, saßen sie tatsächlich
an einem Tisch, genauso wie auf dem Foto. Die Aufnahme selbst entstand
zwei Jahre später nach zahlreichen Einladungen zum Lunch oder Dinner. Die
zwei leben schon seit mindestens fünfzig Jahren zusammen, aber jeder von
ihnen besitzt sein eigenes Reich. Dabei handelt es sich gar nicht so sehr
um ein symbiotisches Verhältnis. Ich finde, das kommt in diesem Foto von
ihnen am Tisch ganz gut zum Ausdruck, da herrscht eine gewisse Stille, da
gibt es Raum zwischen ihnen. Wobei das bloß eine Spekulation ist. Schaut
man sich das Foto an, beginnt man automatisch, sich dazu eine Geschichte
auszudenken. Meine Aufgabe ist es, diese Geschichte lesbar zu machen.
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