Imitation of Life
Ein Auftragswerk für das Deutsche Guggenheim in
Berlin auf Welttournee: Nach den Stationen New York, Bilbao und Auckland sind Hiroshi
Sugimotos Portraits ab dem 04. Dezember 2002 im Singapore Art Museum zu sehen. Die überlebensgroßen
Fotografien von Wachsfiguren historischer Persönlichkeiten, die der Künstler
aus ihrer Inszenierung bei Madame Tussaud's löste und vor einem dramatisch
ausgeleuchteten schwarzen Hintergrund inszenierte, wirken verstörend lebendig.
Mit fast halluzinogener Präzision lässt Sugimotos Porträt-Galerie die
wächsernen Identitäten von Henry VIII, William Shakespeare oder Fidel Castro
in neuem Licht erscheinen. Oliver Koerner von Gustorf über die Authentizität
des Künstlichen, "den ersten Fotografen des 16. Jahrhunderts" und die heikle
Frage, wie man ein Abendmahl abbilden kann, das angeblich vor zweitausend
Jahren stattfand.

 Henry VIII © Deutsche Guggenheim Berlin
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 Anne Boleyn © Deutsche Guggenheim Berlin
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Schon vor Jahren hatte der in New York beheimatete
japanische Künstler Sugimoto (Bild) die Idee, seine schwarz-weißen Foto-Serien von
Dioramen in Naturkundemuseen und Porträts von Wachsfiguren in einem Band
zu vereinigen – als Bilderzählung, die zugleich als Reiseführer für Außerirdische
dienen könnte. Gewissermaßen als "First Visitor's Guide", wie ja auch sein
Arbeitstitel lautete. Aufgabe dieses Handbuchs wäre es laut Sugimoto, den
Neuankömmlingen zu erklären, "was es auf der Erde zu sehen gibt, was für
Leute hier leben und zu zeigen, wie das Leben auf der Erde entstand".
Sogar ein Vorwort hatte er bereits für dieses Jahrmillionen umfassende
Buch geschrieben.
Sein Vorhaben wurde bis heute nicht realisiert,
doch gibt der im Jahr 2000 anlässlich der Berliner Ausstellung seiner "Portraits"
im Deutsche Guggenheim herausgegebene Katalog (Bestellung hier)
einen Eindruck davon, wie dieser fiktive Reiseführer beschaffen sein könnte:
Neben den Konterfeis weltberühmter Persönlichkeiten aus mehreren Jahrhunderten
findet sich in der Einführung des Kataloges eine Auswahl früherer Arbeiten
Sugimotos, die ganz unterschiedliche Szenen abbilden: eine strahlend erleuchtete
Leinwand vor den leeren Sitzen eines Kinopalastes, urzeitliche Tiefseesphären,
Hinrichtungen durch die Guillotine oder den elektrischen Stuhl, der dunstige
Horizont des Pazifischen Ozeans. All diesen Darstellungen wie auch den
neueren historischen Porträts berühmter Persönlichkeiten haftet eine
unergründliche Aura der Stille an, die in der Abwesenheit jeglichen Lebens
gründet. Wenn die menschliche Figur erscheint, dann lediglich als wächserne
Nachbildung.
Auf Sugimotos Fotos wirkt die Welt unbewohnt, fast
körperlos, in der Schwebe zwischen Leben und Tod. So lassen seine an die
Gemälde Caspar David Friedrichs oder Claude Monets angelehnten Seestücke
aus den neunziger Jahren nicht nur an ihre berühmten Bildvorlagen denken,
sondern zugleich an den Beginn der biblischen Schöpfung, an jenen Satz,
mit der die alttestamentliche Genesis eingeleitet wird: "Und die Erde war
wüst und leer, und Finsternis war über der Tiefe; und der Geist Gottes
schwebte über den Wassern." Sugimotos Momentaufnahmen von naturgeschichtlicher
Evolution und menschlicher Kultur erfassen tatsächlich nur Spuren irdischen
Lebens - unbevölkerte Bauwerke, museale Arrangements, ausgestopfte und
nachgebildete Flora und Fauna, künstlich geschaffene Doppelgänger und Stellvertreter,
die exemplarisch die menschliche Geschichte illustrieren.

 William Shakespeare © Deutsche Guggenheim Berlin
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 Diana, Princess of Wales © Deutsche Guggenheim Berlin
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Die Beziehung zwischen Wahrheit und Fotografie, der Glaube daran, dass die Kamera ein
Aufzeichnungsapparat ist, der nicht lügt, wird von Sugimoto virtuos genutzt,
um den grundlegenden Zwiespalt zwischen dargestellter und gesehener Welt
zu verdeutlichen. (Dazu ein
Interview mit dem Londoner Kunstkritiker Martin Herbert.) |
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So reflektieren
die im Auftrag des Deutschen Guggenheim entstandenen Fotografien offensichtlicher
als zuvor das Verhältnis zur Darstellung in der Malerei und verweisen auf
die Werke von Holbein, Vermeer und Van Dyck. Mit seinen Portraits hat
der Hasselblad-Preisträger
Sugimoto auch erstmalig sein seit Mitte der siebziger Jahre bevorzugtes
Bildformat von 50 x 60 Zentimeter verlassen und zeigt nun Großformate und
mehrteilige Tableaus. Größer als das Leben selbst blicken uns William Shakespeare,
Anne Boleyn, Prinzessin Diana, oder Rembrandt entgegen. Im Gegensatz zu
Sugimotos früheren Aufnahmen erscheinen die porträtierten Figuren hier
effektvoll beleuchtet vor einem schwarzen Hintergrund, bis ins kleinste
Detail versehen mit den fotografisch simulierten Gesten altniederländischer
Ölmalerei, und entspannen einen bizarren Dialog zwischen Maltechnik, Wachsfigur
und Kamera.
Wenn der Besucher von Madame
Tussaud's in Amsterdam angesichts der Nachstellung von Vermeers berühmtem
Gemälde Die Musikstunde das Gefühl verspürt, er befände sich tatsächlich
selbst im Bild des niederländischen Meisters und somit im Ambiente des 17.
Jahrhunderts, wird diese subjektive Empfindung in Sugimotos Darstellung
und Konzept auf paradoxe Weise gesteigert. In seinem gemeinsam mit den
Portraits entstandenen Bild The Music Lesson erscheint die wächserne
Szenerie auf den ersten Blick nicht als rekonstruierte Kopie, sondern als
vermeintlich authentische, fotografische Vorlage, an der sich Vermeer orientiert
haben könnte. Während man auf Vermeers Gemälde in dem über dem Klavier
hängenden Spiegel die Reflexion der Staffelei des Malers erkennt, sieht
man bei Sugimoto an dieser Stelle das Stativ der Kamera, ganz so als sei
der Fotograf bereits vor Jahrhunderten Augenzeuge der eigentlichen Situation
gewesen.

 The Music Lesson © Deutsche Guggenheim Berlin
Die konzeptionelle Raffinesse, mit der Sugimoto seine
Bildobjekte quer durch die Zeiten und Medien in die Gegenwart transformiert,
wird besonders an seiner Version des "Abendmahls" deutlich: Das von Leonardo
da Vinci gemalte Heilsgeschehen wurde so oft nachgeahmt, dass die Imitationen
bekannter sind, als das Originalgemälde. Niemand weiß, wie diese Szene tatsächlich
ausgesehen hat, und doch erscheint da Vincis Fresco als geläufige Darstellung,
an der sich die "Genauigkeit" späterer Kopien messen lassen muss. Bei Sugimoto,
dem laut eigenem Bekunden die Popularität christlicher Religion ein Rätsel
ist, erlangt diese Ikone westlicher Kunst und Geschichte eine fremdartige
Bedeutung: Indem er die Szene anhand eines in Japan entdeckten Figurenensembles
mit der Akribie eines Wachsbildners wie einen tatsächlich stattgefundenen
Moment im Foto möglichst "lebensecht" auferstehen lässt, löst er das Motiv
nicht nur aus dem religiösen Zusammenhang, sondern auch aus dem linearen
Zeitverständnis des Betrachters.

 The Last Supper © Deutsche Guggenheim Berlin
Vor dem Dunkel des Raumes versammeln
sich die merkwürdig deformierten Teilnehmer des "Abendmahls" zu einer Gruppenaufnahme:
Ihre künstlichen Glieder sind in gefrorenen Posen erhoben, ganz so, als
wollten sie pflichtbewusst einen Kanon verewigen, der ihnen selbst entfallen
ist. Bar aller Werte, beschränkt auf die Abbildung wächserner Existenz,
verkörpert Sugimotos Foto eine Realität, die mit einem Wandbild im 15.
Jahrhundert begann und durch zahllose Reproduktionen in die Gegenwart eingetreten
ist. (Dazu ein Interview
zwischen Sugimoto und Robert C. Morgan vom NYARTS - Magazin) Als Kunstwerke
bekunden Sugimotos Arbeiten nicht nur die Illusionen der Vergangenheit,
sondern auch die Fiktion einer fernen Zukunft – einer Zeit in welcher die
Geschicke des Menschen nur noch durch seine Versuche gedeutet werden können,
sich selbst zu verewigen.
In seinem geplanten Reiseführer für Außerirdische
werden Sugimotos Portraits unter dem Kapitel "Aussterben" präsentiert:
"Massensterben dieser Gattung sind von Zeit zu Zeit unter den Lebensformen
der Erde zu beobachten. Bitte planen Sie für die Dauer dieser seltenen
katastrophalen Ereignisse keine Reisen zum Planeten Erde." |